Langschwert

Das Fechten mit dem langen Schwert (verkürzend Langschwert, longsword) ist die mit Abstand verbreitetste und beliebteste Form von HEMA (wohl gefolgt von Rapierfechten).

Turnierfechten (longsword tournaments) wie es heute üblich ist, präsentiert sich meist als eine Art von Mix zwischen historischem Schulfechten (sportliches Fechten mit der Fechtfeder) und historischen Anleitungen zu ernstem Fechten (ermöglicht durch moderne Schutzausrüstung).

Bezeichnung

Mit “Langschwert” bezeichnen wir das zweihändig geführte Schwert des Spätmittelalters und der Renaissance. Diese Bedeutung ist HEMA-spezifisch, der Begriff “Langschwert” wird in der Literatur typischerweise eher in anderem Zusammenhang gebraucht, speziell Antike/Völkerwanderungszeit, Bronzezeit und Asien (China/Japan). Unsere Quellen bezeichnen die Waffe, die wir jetzt “Langschwert” nennen einfach als Schwert (swert, Schwerdt). Der Begriff “Langschwert” im historischen Fechten wurde aus dem Englischen longsword (oder German longsword) übernommen, aber auch longsword hat erst seit etwa 2000 und im Kontext von HEMA diese Bedeutung angenommen.

Die Bezeichnung ist sinnvoll zur Unterscheidung vom hochmittelalterlichen, einhändig geführten Schwert, auch wenn ihr vermutlich ein Irrtum zugrundeliegt: Die Quellen kennen die Ausdrücke aus dem langen Schwert bzw. aus dem kurzen Schwert, gemeint ist aber beide Male dieselbe Waffe, die einmal “lang” und einmal “kurz” gehalten wird. Etwa Hs. 3227a:40r zitiert die (gering geschätzten) “Leichmeister” (Schaufechter), die damit unterschiedliche Mensuren (mittlere und weite Distanz) benennen:

etzliche leychmeistere […] sprechen, is sy gar swach was aus den winden kumpt und nennen is “aus dem korczen swerte”, dorumme, das sy slechte und eynveldik dar gen, und meynen das sy “aus dem langen swerte” gefochten.
“Etliche Leichmeister sagen, es sei ganz schwach, was aus dem Winden komme, und nennen das ‘aus dem kurzen Schwert’, deshalb, weil sie selber ganz naiv und einfältig hinan gehen, und meinen, das sei dann ‘aus dem langen Schwert’ gefochten.”

Bei Peter von Danzig (1452) wird dann die ganze Lehre von Liechtenauers als ler des langen swertz bezeichnet, während nun Liegnitzers Kampffechten unter das kurtz swert zw gewappenter hant läuft (wofür wir heute “Halbschwert” sagen, abgeleitet aus mit dem halben schwert, Ringeck 36v ), gemeint ist, dass dasselbe Schwert einmal “lang” und einmal “kurz” gehalten wird.

Mit “Anderthalbhänder” oder “Bastardschwert” sind meist Schwerter gemeint, die eine Übergangsform zwischen dem hochmittelalterlichen Schwert und dem “Langschwert” des 15. Jh. darstellen, also grössere Scherter aus dem 13. oder frühen 14. Jh.; unter “Zweihänder” oder “Bidenhänder” versteht man dagegen meist die sehr grossen Schwerter, die im 16. Jh. unter Landsknechten in Mode kamen, aber für das Fechten “im langen Schwert” kaum mehr geeignet sind. Die Übergänge zwischen “Anderthalbhänder” und “Langschwert” einerseits und zwischen “Langschwert” und “Zweihänder” andererseits sind selbstverständlich fliessend, und hängen nicht zuletzt auch von den Relationen zwischen Schwertgrösse und Körpergrösse des Fechters ab.

Eine Feder oder “Fechtfeder” ist eine Sportwaffe (oder ein “Langschwert-Simulator”, der im 15. und 16. Jh. zur Übung und im Wettkampf (Fechtschulen) verwendet wurde). Es ist nicht klar, ob sich die Federfechter (eine Gesellschaft von Fechtern im späten 16. Jh.) nach der Waffe benannten oder ob umgekehrt die Waffe nach der Gesellschaft der Federfechter heisst (möglicherweise hiess die Gesellschaft eitgentlich Veiterfechter, nach dem hl. Veit, d.i. St. Vitus). Der Begriff “Federfechter” ist nb. älter als die nun geläufige Verwendung von Feder in den Bedeutungen “Schreibfeder” oder “elastische/mechanische Feder”.

Deutsche und Italienische Schulen

Es wird üblicherweise unterschieden zwischen der “italienischen” und der “deutschen” Schule. Diese Zweiteilung nach der Sprache der historischen Quellen ist zu einem gewissen Grad gerechtfertigt, verschleiert aber die wesentlichen diachronien Entwicklungen (d.h., die “deutsche” und “italienische” Schule um 1400 haben wohl mehr miteinander gemeinsam als die “deutsche Schule” um 1400 mit der “deutschen Schule” um 1600).

Zu Beginn des 15. Jh. stehen die deutsche und die italienische Tradition nebeneinander vertreten durch Liechtenauer und durch Fiore dei Liberi; obschon sie im Detail bereits Unterschiede aufweisen, bestehen deutliche Parallelen. Fiore sagt von sich selber, er habe bei deutschen Meistern studiert (magistrorum exemplis multifariis et doctrina ytalicorum ac alamanorum).

Der Unterschied zwischen den beiden Traditionen liegt weniger in ihrem Ursprung als in ihrer weiteren Entwicklung: In Italien tritt das lange Schwert noch im 15. Jh. in den Hintergrund (zugunsten des Rapiers), während es in Deutschland während eines Jahrhunderts im Zentrum steht (aber schliesslich im 16. Jh. ebenfalls hinter das italienische Rapierfechten zurücktritt).

Publikationen

Vor allem während der Nullerjahre erschienen etliche Publikationen zum Thema im Druck. Es handelt sich um praxisorientierte Anleitungen oder Zusammenfassungen von Fechern, die sich an andere Fechter richten, zum Selbststudium oder zur Heranführung an die historischen Quellen.

Frühe Bücher zum Thema, noch eher mit “Pionier-Charakter” sind John Clements, Medieval Swordsmanship (1998), Christian Henry Tobler, Secrets of German Medieval Swordsmanship (2001), David Lindholm und Peter Svard, Sigmund Ringeck’s Knightly Art of the Longsword (2003, diese Autoren lieferten 2006 einen zweiten Teil zu Schwert und Buckler, Ringen und Harnischfechten).

Separate Behandlungen der deutschen und italienischen Traditionen erscheinen 2004 mit C. H. Tobler, Fighting with the German Longsword und Guy Windsor, The Swordsman’s Companion. Die erste nennenswerte deutschsprachige Publikation zum Thema erscheint nicht als Buch sondern als Lehr-DVD, Langes Schwert  von Alex Kiermayer und Hans Heim (2005), die Autoren fassen darin ihre damals sechsjährige Trainingserfahrung bei Ochs zusammen.

2007 erschien Herbert Schmidts Schwertkampf – der Kampf mit dem langen Schwert nach der Deutschen Schule (2008 gefolgt von “Schwertkampf 02” zu Schwert und Buckler). Ebenfalls von 2007 ist Konrad Kesslers Kampf mit dem langen Schwert, dies eher ein Handbuch mit dem Charakter einer Zusammenfassung zum Gebrauch im Training.

2008 folgte Wolfgang Abart mit Lebendige Schwertkunst: Bloßfechten mit dem Schwert und der Feder. Ebenfalls von 2008 ist The Fighting Man’s Guide to German Longsword Combat von Michael G. Thomas (non vidi). Eine zweite DVD Langes Schwert  von Kiermayer und Heim ist 2010 erschienen (non vidi).

Schmidts Buch von 2007 wurde offenbar 2015 ins Englische übersetzt, während Toblers Buch 2007 als Modernes Training mit dem Langen Schwert und Windsors Buch 2009 als Handbuch Schwertkampf in deutscher Übersetzung erschienen.

Nach dem “Publikationsschub” im deutschsprachigen Raum 2007-2009 folgt eine Lücke. Dies ganz offenbar, weil die angelsächsischen Publikationen von 2004 die einzelnen Autoren unabhängig voneinander zu diesen Projekten inspirierten, was nach einer Latenzzeit zur parallelen Publikation der drei genannten Bücher führte.

Die genannten Publikationen sollten in ihrer Wichtigkeit nicht überschätzt werden, denn sie stehen neben (bzw. fussen auf und dokumentieren) dem andauernden Prozess von Rekonstruktion und Dokumentation, der in Online-Foren stattfindet. Zu nennen ist hier zunächst swordforum.com, wo seit der “Gründerzeit” Diskussionen zur Rekonstruktion stattfanden.

Seit 2013 die Zeitschrift Acta Periodica Duellatorum mit dem Anspruch ein Bindeglied zwischen ernsthaftem Studium der Quellen und fechterischer Praxis herzustellen. Der Markt für “populäre” Darstellungen des Fechtens mit dem langen Schwert scheint dagegen im deutsch- und englischsprachigen Raum mit den Büchern aus den Nullerjahren vorläufig gesättigt zu sein.

Zu nennen ist hier aber noch Bertram Kochs Bloßfechten (2009, revidiert 2012). Dieses Buch wird gratis zum Download angeboten, stellt aber in mancher Hinsicht die kommerziell vertriebenen Publikationen in den Schatten, allerdings mit einem etwas anderen Fokus, es handelt sich weniger um eine bebilderte “Trainingsanleitung” sondern um eine textlastige, dafür umso fundiertere, fast enzyklopädische Behandlung der deutschen Schule. Dem Dokument fehlt das optische “Finish”, das einer Publikation in einem Verlag zuteil wird, inhaltlich macht es mmn. den Kauf der früheren Bücher zum Thema so gut wie überflüssig.

Blossfechten

DIe Fechtbücher vermitteln meister lichtenawers kunst des fechtens mit deme schwerte czu fusse und czu rosse / blos und yn harnüsche  (Hs. 3227a:13v), also bloss (ungepanzert) zu Fuss, sowie gepanzert (in Harnisch) zu Fuss, und zu Pferd.

Das Hauptinteresse der Fechtbücher gilt aber meist dem Blossfechten zu Fuss, aus welchem Kontext die Bezeichnung “Langschwert” ja überhaupt entlehnt wurde. Blossfechten mit dem langen Schwert (und ohne Schild) ist näher verwandt mit dem Messerfechten (ungepanzertes Fechten mit einschneidigen Hiebmessern ebenfalls ohne Schild) als mit dem Fechten mit Schwert und Schild; es ist eine sehr delikate Angelegenheit, da es auch für einen geübten Fechter sehr schwierig ist, gegen einen unkontrollierten Gegner Doppeltreffer, v.a. auf die Hände, zu vermeiden. Daher wohl die frühe Charakterisierung, dass hier “aus dem langen Schwert” gefochten werde, die fehlende Schutzwaffe oder Panzerung erfordert eine optimale Ausnutzung der Distanz. Hs. 3227a:86 leitet das Fechten aus dem langen Schwert explizit vom Messerfechten ab (und die Grundprinzipien jeglichen Fechtens wiederum aus dem Ringkampf):

Und wisse, das alle höbischeit kompt von deme ringen, und alle fechten komen ursachlich und gruntlich vom ringen: Czum ersten das fechten mit dem langen messer, aus dem kumpt das fechten mit dem swerte.
“Und wisse, dass alle Hübschheit (kultiviertes, kunstvolles Fechten) aus dem Ringen kommt; alles Fechten kommt ursächlich und ursprünglich vom Ringen: zunächst das Fechten mit dem langen Messer, und aus diesem wiederum kommt das Fechten mit dem Langschwert.”

Grundlagen

Fünf Wörter: Vor, Nach, Stärke, Schwäche, Indes

Meyer [68] Cap. 8

Vier Häue

Als “Haupthäue” zählen Ober- und Unterhaue zu den vier Blössen. Um etwa 1500 kommt der “Mittelhau” dazu, so dass es dann eigentlich “sechs Häue” wären (vgl. dazu namentlich das Diagramm im Kölner Fechtbuch). Meyer (1570) hat schliesslich ein Diagramm mit acht Grundhäuen.
Die Häue werden mit langen oder kurzen Schneide geführt, im Federfechten zusätzlich (oder: ausschliesslich) mit der Fläche.

Meyer [73] Cap. 10

Vier Blössen

Schritte

Meyer [66] Cap. 7

Hauptstücke

Etwa ein Jahrhundert lang wurde das Fechten aus dem langen Schwert nach Liechtenauer unterrichtet, der die Techniken in 17 “Hauptstücke” einteilte. Im späten 15. jh. und speziell im 16. Jh. kamen dann etliche weitere Bezeichnungen und Techniken dazu, aber Liechtenauers Hauptstücke bildeten nach wie vor den Kern der Fechtlehre bis in die Spätzeit der Disziplin (Federfechten auf Fechtschulen) zu Beginn der Barockzeit.

Der Begriff “Hauptstück” steht bei Ringeck (18r) und auch bei von Danzig (12v), bei Ringeck auch explizit die Zählung 17, wenn die “fünf Häue” als fünf Hauptstücke mitgezählt werden: Der ist sibenzechen an der zal Vnd heben sich an den funff hewen an.

Zettel:

Fünf hewe lere / von der rechten hant wider dy were:.
1. Zornhaw 2. krump 3. twere / hat 4. schiler mit 5. scheitelere
6. Alber 7. vorsatzt / 8. nochreist 9. öberlawft  hewe letzt
11. Durchwechselt 12. zukt / 13. durchlawft 14. abesneit 15. hende drukt
16. Henge 17. wind mit blößen / slag vach strich stich mit stößen

1.-5. Fünf Häue
Zornhau Meyer [41] 1.XI
Krumphau  Meyer [44] 1.XIIv
Twerhau Meyer [44] 1.XIIv, [129-134]
Schielhau Meyer [42] 1.XIv, [124-128]
Scheitelhau

6. Vier Leger Meyer [29] Cap. 3

7. Versetzen Meyer [49] Cap. 5

8. Nachreisen Meyer [54] XVIIv

9. Überlaufen

10. Absetzen Meyer [56] XVIIIv

11. Durchwechseln Meyer [128-129]

12. Zucken Meyer [48] XIIIIv, [56] XIX

13. Durchlaufen

14. Abschneiden Meyer [62] XXIv

15. Händedrücken Meyer [62] XXIv

16. Hängen Meyer [63] XXII

17. Winden Meyer [60] XXv